Ludwig „Wiggerl“ Deutsch 1938 – 2006

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Ludwig Deutsch, von den meisten nur „Wiggerl“ genannt, war nicht nur ein steirischer Spitzenspieler, der über Jahrzehnte vorne mitspielte, sondern auch der „Vater“ des Schachklubs Straßenbahn Graz, in der Form, in der er sich heute präsentiert.


1969 wurde Ludwig Deutsch von den Grazer Stadtwerken als Arbeitnehmer eingestellt (zuerst als Straßenbahnfahrer, dann im Oberbau und 1971 nach einem schweren Arbeitsunfalls als Portier). Wiggerl wechselte 1969 auch von Fürstenfeld zu Gemeinde Graz. Ludwig Deutsch spielte bis 1979 beim damals sehr starken Schachklub „Gemeinde Graz“ mit und wurde mit diesem Klub 1969 und 1970 österreichischer Mannschaftsstaatsmeister. Anfang der 70er Jahre war Wiggerl bereits einer der stärksten steirischen Spieler. So gewann er 1970 die Grazer Stadtmeisterschaft und durfte sich 1971 beim Jubiläumsturnier von Gemeinde Graz mit internationalen Großmeistern und internationalen Meistern messen (u.a. GM Robatsch, GM Janosevic, IM Lehmann, IM Tatai, IM Musil, Danner, Watzka,etc.) und belegte immerhin Platz 8 von 14 Teilnehmern. Wiggerl spielte bei vielen Turnieren mit, vertrat die Steiermark oft bei nationalen und internationalen Wettkämpfen, flog mit Gemeinde Graz zu einem Vergleichskampf und kam sogar in den Genuss eines Sonderzuges, als er 1976 mit einer steirischen Delegation von einem Wettkampf gegen die CSSR verspätet in Bruck eingetroffen war.


Als Gemeinde Graz dann 1979 den Spielbetrieb aus finanziellen Gründen einstellen musste, wechselte Wiggerl zu Straßenbahn Graz. Er wurde von den meisten nur belächelt, als er ihnen sein Ziel mitteilte, aus dem reinen „Hobbyspieler-Klub“ Straßenbahn Graz (der nur in der 1. Klasse Graz spielte) einen der stärksten steirischen Klubs zu machen.


Aber sie unterschätzten Wiggerls Einfallsreichtum und seinen Einsatz, obwohl sie diese Eigenschaften ja bereits aus seinem Schachspiel kennen sollten. Wiggerl war kein „Theoriehai“, sondern ein Spieler, der Pfade abseits der Theorie suchte, um dann, oft aus dem Nichts heraus, überraschende Züge zu finden, mit denen er eine Partie „anzünden“ konnte! Beim Blitzen war diese Eigenschaft noch wirksamer, Wiggerl war damals einer der gefürchtetsten Blitzer der Steiermark.


Wiggerl verfolgte also sein Ziel, Straßenbahn Graz zu einem starken Klub auszubauen und stellte dafür auch seine eigenen schachspielerischen Ambitionen etwas zurück. Er holte starke Spieler zum Klub, zuerst Slowenen (Darko Supancic spielt heute noch für Straßenbahn), dann auch heimische Spieler (z.B. Krebs, Pesorda, Jahrer, etc.). Der Klub marschierte von der 1. Klasse bis zur Landesliga durch und bereits 1982/83 spielte Straßenbahn Graz erstmals in der Landesliga. Bereits in der Saison 1983/84 belegte Straßenbahn den 2. Platz in der Landesliga und stieg in die damalige Regionalliga B Süd auf (entspricht der heutigen 2. Bundesliga Mitte). Im Jahr 1992/93 gelang dann sogar noch der Aufstieg in die Staatsliga (heutige 1. Bundesliga Mitte) und Straßenbahn konnte dann immerhin 2 Saisonen in der höchsten österreichischen Liga spielen – was wohl zu Beginn der 80er Jahr außer Wiggerl niemand für möglich gehalten hätte! Wiggerl hatte in nicht einmal 15 Jahren das Unmögliche geschafft!


Wiggerl hat mit Straßenbahn Graz auch den Meistertitel in der zweithöchsten Klasse Österreichs (1998/99) und in der Landesliga geholt (1988/89 sowie 1992/93) sowie mehrmals den Steirischen Cup und zahlreiche Meistertitel in den Klassen im Kreis Graz. Herausragend war sein Talent, zu allen Spielern ein freundschaftliches Klima aufzubauen, vom Großmeister bis zum Anfänger! Darüber hinaus schaffte er es immer wieder, die Sponsoren von seinen Ideen zu begeistern und die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben.


Obwohl Wiggerl sich primär um seinen Klub kümmerte, fand er dennoch Zeit auch in zahlreichen Einzelturnieren mitzuspielen. Sein beliebtestes Turnier war dabei die Grazer Stadtmeisterschaft, denn hier spielte er insgesamt 27mal mit, 1969 das erste Mal und von 1983 bis 2004 spielte er immer mit! Wiggerl konnte dieses Turnier 1970 und 1983 gewinnen und hatte noch 5 weitere Podestplätze erreicht (zuletzt wurde er 2004 Zweiter!). Nur dreimal wurde er schlechter als der 10. Rang klassiert! Wiggerl konnte auch zweimal die Steirische Landesmeisterschaft gewinnen (1975 und 1987). Darüber hinaus spielte Wiggerl bei zahlreichen Open, bei den EVU-Meisterschaften (dort war Wiggerl mit über 30 Teilnahmen hauptverantwortlich für die übermächtige Vormachtstellung der Grazer Stadtwerke), bei den Senioren-Landesmeisterschaften (diese gewann er 1998 und 1999) und bei vielen anderen Turnieren (z.B. Sieger der steirischen Post-Aktiv-Schachmeisterschaften 1999 und 2003) mit. Im Jahr 1991 zählt Wiggerl elomäßig zu den besten steirischen Spielern! In diesem Jahr spielte er auch beim bis dahin stärksten Open in Österreich, in Hartberg, mit und belegte mit 6 Punkten aus 9 Partien den ausgezeichneten 22. – 46. Platz, u.a. geteilt mit GM Barbero oder IM Danner und vor GM Klinger.


Im Jahr 1998 wurde ihm vom ÖSB der Titel „Österreichischer Meister“ verliehen – angesichts der Erfolge die Wiggerl auf den 64 Feldern erzielt hatte, war dies mehr als überfällig und die verdiente Krönung seiner Schachlaufbahn. Wiggerl fühlte sich aber nie „zu gut“ um auch mit schwächeren Spielern eine Partie zu spielen – wahrscheinlich machte ihn auch das so beliebt. Obwohl Wiggerl fast ohnehin rund um die Uhr für Schach da war, übernahm er mit der Saison 1994/95 auch die Funktion des Kreisspielleiters von Graz und übte diese bis 2001/02 aus.


Wiggerls Spiel war immer von originellen Einfällen geprägt, was es auch Großmeistern nicht einfach machte, gegen ihn zu gewinnen, ja mancher musste gegen ihn sogar den ganzen Punkt liegen lassen. So gewann Wiggerl z.B. 1999 in Oberwart eine Glanzpartie gegen GM Farago.

Auch nachdem als er im Herbst 2004 von seiner schweren Krankheit erfahren hatte, ließ er sich nicht davon abbringen, möglichst viele Partien für seinen Klub zu spielen. Bis zuletzt tat er das mit großem Erfolg, so war er etwa in der Saison 2004/05 der beste Landesliga-Spieler von Straßenbahn. Gegen seine Krankheit kämpfte er ebenso zäh wie er dies oft auch dem Schachbrett tat und leistete ihr großen Widerstand. Im März 2006 war aber leider seine Kraft endgültig erschöpft und Wiggerl hatte seine letzte Partie beendet.


Schon die Lücke, die Wiggerl als Spieler und Funktionär in unserem Klub hinterlässt, kann nicht geschlossen werden. Am schmerzlichsten ist aber die Lücke, die Wiggerl als Mensch hinterlässt, der mit seiner Begeisterung und seinem Engagement für Schach, seinem Humor und seiner Verlässlichkeit eine Vorbildfunktion innehatte. Die Mitglieder des Schachklubs Straßenbahn werden Wiggerl immer vermissen, aber nicht vergessen!


Anschließend noch einige schöne Kombinationen bzw. Partien von Wiggerl!


Deutsch, Ludwig - Danner, Georg

Anton Afritsch Gedenkturnier, 1968



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1.Rd1-c1! mit diesem Zug leitete Wiggerl eine schöne Gewinnkombination ein!1...Bb7 [ 1...Qxd4? 2.Qg8+ Kd7 3.Qc8#] 2.Nf5! Rf7? mit diesem Fehler beschleunigt Danner das Partieende [ ¹2...Re5 ist zwar besser, aber der Partieverlust ist dennoch nicht zu vermeiden 3.Qg8+ Kd7 4.Qxh7+ Kd8 5.Qg8+ Kd7 6.Qf7+ Kd8 7.Qf6+ Kd7 8.Rd1 Bd5 9.Rxd5 Rxd5 10.Qf7+ Kd8 11.Qxd5+-] 3.Qg8+ Rf8 4.Qe6+ Kd8 5.Qe7# 1–0

(785) Fink, Alois - Deutsch, Ludwig [B45]

Anton Afritsch Gedenkturnier, 1968


1.e4 c5 2.Nf3 Nc6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 e6 6.Nxc6 [ üblich ist hier 6.Ndb5 Bb4 7.a3 Bxc3+ 8.Nxc3 d5 9.exd5 exd5 10.Bd3] 6...bxc6 7.e5 Nd5 8.Nxd5 [ ¹8.Ne4 Qc7 9.f4 Qb6 10.c4 Bb4+ 11.Ke2 f5 12.Nf2 Ba6 13.Kf3 Ne7 14.Be3 Bc5 15.Bxc5 Qxc5 16.Qd6 Qb6 17.b3 c5 18.Rd1 Bb7+ 19.Ke3 Qxd6 20.exd6 Ng6 21.Nd3 Rc8 22.h4 0–0 23.h5 Nh8 24.Ne5 Nf7 25.Nxd7 Rfd8 26.Ne5 Nxd6 27.h6 g6 28.Rh2 Nf7 29.Rxd8+ Rxd8 30.Nd3 Rc8 variante] 8...cxd5 9.Bd3 h6 hier verlässt Wiggerl die Theorie [ 9...Ba6!?; 9...Qc7!?] 10.0–0 Qc7 11.Qe2 g6 12.Bd2 [ ¹12.Bf4²] 12...Bg7 13.Rae1 a5 14.Kh1?! [ 14.b4!?] 14...0–0 15.b4?! wenn schon, dann einen Zug früher! 15...d6 16.exd6?! [ 16.f4!?²] 16...Qxd6 17.bxa5 [ 17.b5=] 17...Ba6 18.Rb1 Bxd3 19.Qxd3?! [ ¹19.cxd3=] 19...Rfc8! 20.Bb4 Qc6 21.Rfc1 Bc3 22.a3 Qc4 23.h3 Rc6 24.Rb3 Be5 25.Bd2 Diagramm


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25...Bf4! 26.Bxf4 [ 26.Rb4?? Qxd3!–+; 26.Qxc4 Rxc4 27.Bxf4 Rxf4 28.Kg1µ] 26...Qxf4 27.Rcb1? Rxa5 [ ¹27...Qxf2µ] 28.Rb8+ Kg7 29.Kg1 Rac5 30.R8b4 Qf5 31.Qd4+ e5 32.g4 Qf6 33.Qe3 Rc3! 34.Qe1 Rxh3 35.R1b3 Rxb3 36.cxb3 Qg5 37.Kg2 e4 38.Qe2 Rc3 39.Rb6 Qh4! 40.Qd1 Rd3 41.Qe2 Qh3+ [ ¹41...Rh3 42.Qb2+ Kh7 43.Qe5 Qxg4+ 44.Qg3 Rxg3+ 45.fxg3 Qf3+–+] 42.Kg1 Rc3 43.Qd1 Rd3 44.Qe2 Qh4 45.Rb5 Rh3 0–1



(787) GM Farago, Ivan – ÖM Deutsch, Ludwig [A44]

Oberwart Open, 18.07.1999


1.d4 c5 2.d5 e5 3.c4 d6 4.e4 Ne7 sehr selten gespielt [ üblich ist 4...Be7 ] 5.Nc3 h6 endgültig abseits der Theorie 6.h4!? GM Farago lässt sich provozieren [ 6.Nb5 Ng6 7.h4²] 6...Nd7 7.g3 Nf6 8.Bg2 a6 9.b4?! b6 [ 9...cxb4!? 10.Qa4+ Nd7 11.Qxb4 Nc5³] 10.Nge2 Bd7 11.Rb1 h5 12.bxc5 bxc5 13.Bg5 Ng6 14.Nc1?! [ 14.Bxf6 Qxf6 15.Na4±] 14...Be7 15.Nd3 Ng4 16.Bd2 0–0 17.0–0?! Diagramm


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[ ¹17.f3 Nf6 18.0–0²] 17...Bxh4! diesen Einschlag hatte der GM übersehen - Wiggerl natürlich nicht! 18.f3?? Farago greift erneut fehl und das bedeutet bereits das K.O. für ihn! [ ¹18.Na4 Be8 ( 18...Nxf2?! dieser Zug geht nicht, da Weiß mit dem Springer zurückschlagen kann, sonst wäre die Kombination siegreich! 19.Nxf2 a) 19.Rxf2?! Bxg3 20.Re2 Bg4µ; b) 19.Kxf2? Bxg3+!! 20.Ke2 (b) 20.Kxg3?? Qh4+ 21.Kf3 Bg4+–+) 20...Nh4 21.Bf3 Nxf3 22.Rxf3 Bg4–+; 19...Bxg3 20.Nh3! Bxh3 21.Bxh3 Qh4 22.Kg2 Rab8 23.Rb3 Nf4+ 24.Bxf4 Bxf4=) ] 18...Bxg3!! 19.fxg4 Qh4 20.Rf5 Qh2+ 21.Kf1 Nh4! 22.Qe2 g6 23.Rf2?? die Stellung ist ohnehin verloren, Tf2 beschleunigt das Ende noch! [ 23.Bh6 hätte noch eine heftigere Gegenwehr bedeutet, aber Wiggerl hätte sich die Butter sicher nicht mehr vom Brot nehmen lassen! 23...gxf5 24.gxf5 ( 24.Bxf8? f4!! 25.Bf3 Nxf3 26.Qxh2 Nxh2+ 27.Kg2 Kxf8–+) 24...Rfb8 25.Rc1 Kh8 26.Bg5 Qxg2+ 27.Qxg2 Nxg2 28.Bf6+ Kh7 29.Kxg2 Rg8 mit besserem Endspiel für Schwarz, wäre aber noch viel Arbeit gewesen] 23...Bxg4 24.Qe3 f5!! feiner Zug! [ 24...Bxf2 25.Qxf2 Nxg2 26.Qg1 Qg3 27.Qf2 Qxd3+ 28.Kxg2 Qh3+–+] 25.exf5 Nxg2 26.Rxg2 Rxf5+ 0–1